Ich habe beschlossen, eine Art Tagebuch durch diese besondere Zeit zu führen. Es soll uns durch die räumliche Trennung begleiten, in der wir uns gerade befinden, einer besonderen Situation der Unsicherheit und des Nicht-Wissens, in der wir uns vermutlich eine längere Weile aufhalten werden.

Naturgemäß sind solche Zeiten sehr geeignet, neue Einsichten zu gewinnen, Einsicht in sich selbst und in das Leben.

Ich möchte euch teilhaben lassen an meinen persönlichen Einsichten, die mir auf dem Weg durch das Leben begegnen.

 

 

02.04.2020

Natur

 

So ein schöner Tag war heute wieder. Kalt, sonnig, hell.

In der Natur fühle ich mich immer neu, erfrischt, erquickt. Als gäbe es kein Elend und kein Leiden. Alles ist so im Einklang. Auch das Sterben. Die alten Blätter liegen am Boden, verwelkt und wandeln sich langsam in neue Erde. Erde, aus der dann bald wieder etwas neues entstehen wird. Gerade erblüht das Neue überall, der Frühling zeigt sich!

Alles geht so langsam und so in Harmonie mit dem Ganzen, dass es innerlich keine Unruhe verursacht, sondern ein Gefühl von Einheit, von Zusammengehörigkeit. Es ist eine Bewegung. Alles bewegt sich aufeinander abgestimmt. Alles hält das Maß, das von irgendwoher, vom Urgrund, vorgegeben wird.

Es ist sehr heilsam, darin zu wandeln und von diesem Einklang wieder berührt zu werden.

Wir Menschen sind die einzigen, die darin eine Wahl haben. Wir haben gewählt, den Einklang zu verlassen, einen eingenen Klang zu bilden. Meist eher ein disharmonischer Klang.

 

Aber wir besitzen auch die Freiheit, uns wieder einzubinden in den großen Weltenklang.

 

 

 

01.04.2020

mein Herz

Gestern habe ich mir einen Aprilscherz ausgedacht und leider einen Tag zu früh meine Tochter Celia damit überrascht. Sie ist daraur reingefallen, hat aber dann mich ausgelacht, weil ich mich im Tag geirrt habe.

Heute abend hatten wir wieder eine Video-Konferenz mit der Gemeinschaftsgruppe. Wir waren schon besser als das erste Mal: Statt Kopfweh, Unruhe usw. hatten wir diesmal eine stille Stimmung, guten Austausch und ein iniges fröhliches Auseinandergehen. Es lohnt sich, unsere Bande zu pflegen. Und es ist gut, die technischen Errungenschaften auf ihre Tauglichkeit hin auszuloten.

Mein Herz ist in diesem Arten von Beisammensein noch viel weiter, lebendiger und fühlt sich fast schmerzhaft an. Anders als im normalen Leben. Woran das wohl liegt?

Weil es mehr umfassen muss, um alle zu fühlen? Weiter fliegen, um bei allen zu sein?

Aber es liegt auch so viel Angst immer in der Luft in dieser Zeit. So viel verdrängte Angst auch. Das macht mein Herz ganz wund. Wieviele Menschen bräuchte es, die sich dieser Angst annehmen, sie mit ihren Herzen umfangen, bis alle Angst gehalten und beruhigt ist? Bis alle Angst sich legen und entspannen darf?

 

 

 

 

 

 

31.03.2020

Nichts tun

Für die Corona-Ferien möchte ich einige Online- oder Telefon-Treffen organisieren, zum Meditieren, Still-Werden, Austauschen, ...

Das ist für mich eine echte Herausforderung, da ich technisch nicht sehr interessiert bin. Aber das ist gerade das einzige, das ich tun kann.

Es ist gerade etwas schwierig, nichts zu tun zu haben. Gerne würde ich etwas tun, irgendwo helfen. Die Nachrichten aus der Welt zu hören, was da alles gerade passiert, schmerzt mein Herz. Und daneben passiert ja weiterhin noch alles, was bisher auch schon geschehen ist: die Flüchtlinge, Hungersnöte,...

In der Nachbarschaftshilfe bin ich schon angemeldet, da werden die Anfragen erst noch kommen.

So bin ich hier zu Hause und sammle mich. Sammle Ruhe, Stille, Freude, Geduld.

Habe das Bedürfnis, mich mit euch zu verbinden. Das tue ich viel in der Stille, vor allem nachts. Dann fühle ich hin zu euch und spanne innerlich die Fäden, um die Verbindung zu wahren. Manchmal kommen mir auch sehr traurige oder gewalttätige Szenen in den Sinn. Ob das gerade wirklich irgendwo passiert? Ob es meinem Geist entspringt? Ich schaue darauf und bin so liebevoll und still, wie ich nur kann. Versuche, dem Geschehen ein liebender Schoß zu sein. Ein Schoß, in dem alles Platz hat, der für alle und alles da ist. Für dich und für dich und dich...

 

 

30.03.2020

 

Jetzt ist es wieder kalt geworden. Die Vögel singen nach wie vor ihre Frühlingslieder, die Sonne scheint. Und wir sitzen zu Hause. Heute war ich nur kurz im Garten, es ist so eisig.

Jetzt zeigt es sich, wie wir es uns in unserem innersten Raum, unserem Zuhause, eingerichtet haben. Wie fühlen wir uns darin? Wieviel Heimat kann ich hier finden? Alles, was ich mir kreiert habe, wird - ohne die vielen alltäglichen Ablenkungen - deutlich sichtbar.

Zum Glück bin ich ganz gut ausgestattet, mit einer wirklich feinen Familie. Kinder, die ich liebe, einen Mann, den ich liebe. Nette Nachbarn. Ein paar gute Freunde, meine Gemeinschaft, die fehlt mir noch hier.

Unser Haus ist schön, hier kann ich mich wohlfühlen.

Was ich daraus lerne: Tatsächlich kreiere ich mir meine Welt. Ich bin diejenige, die sich ihr Leben gestaltet, nach bewussten oder unbewussten Vorsätzen. Ich habe die volle Verantwortung.

 

So frage ich mich gerade: Was für Vorsätze habe ich eigentlich? Wie will ich, dass mein Leben – und das meiner Kinder und Kindeskinder – aussieht? Und was tue ich dafür?

Kann es etwa sein, dass ich in Wirklichkeit gar nicht nach diesen Vorsätzen handle, sondern mich immer wieder ablenken lasse durch anderes? Wenn ich z.B. ein liebevolles Zuhause für meine Kinder möchte, wie kann ich dann noch eine Rechtfertigung für Meckern und Schimpfen finden?

 

Was war mir nochmal das Wichtigste?

 

 

29.03.2020

Auch heute ist mir gerade zum Weinen. Aber diesmal vor Glück.

Ich hatte eine wunderschöne Telefonkonferenz mit den „Mothers“ des Roten Zeltes Tübingen. Die Corona-Zeit scheint einen sehr weiblichen Raum zu öffnen, Raum für Daheim-Sein, im Nest, für Ruhe und Entschleunigung, für Zu-Sich-kommen und Achtsamkeit, für Mitgefühl und Verbundenheit.

Da entsteht ein Raum, der sonst zugedeckt ist mit Stress, Terminen, Aktivitäten, Konsum. Jetzt wird er langsam leer und will sich dem Wesentlichen hingeben.

Mit was will dein Raum sich füllen? Was ist dir wesentlich? Ist Platz für Freude in deinem Raum? Platz für Leidenschaft?

Lasst uns unsere Räume zusammenfließen und das Schöne, das Wesenhafte, das Echte und Natürliche, das Traurige und das Fröhliche, das Achtsame und das Leidenschaftliche gebären.

Es ist kein reines Frauenthema, das können auch die Männer. Es ist nur eine „weibliche Qualität“, die da gerade wieder ihren Platz bekommt durch den Stillstand.

 

Die TräumerInnen sind aufgerufen, sich zu den Traurigen, den Einsamen, den Haltlosen hinzuträumen, nachts, wenn wir still sind. Geht im Geiste zu denjenigen, die Heimat, Liebe und Zuwendung nötig haben. Verbindet euch im Geiste mit denjenigen, die ebenso im „Innersten“ unterwegs sind und Trost spenden, sich um die Liebe, die Heimat kümmern. Wir sind nicht allein!

Ihr TänzerInnen seid aufgerufen, eure Träume zu tanzen, ihr SängerInnen seid gerufen, von euren Visionen zu singen. Ihr MalerInnen, malt sie! Ihr Müden, gebt ihnen in euch Ruhe! Ihr Traurigen, weint sie! Bringt eure Visionen in die Welt! Vebindet euch! Lasst uns gemeinsam dem Neuen den Raum, den es braucht, um sich zu entfalten.

 

 

28.03.2020

Warten

 

Mir ist ganz traurig ums Herz. Viel Schlimmes geschieht, immer und immer wieder und wir Menschen scheinen nicht zur Umkehr zu bewegen zu sein.

Gleichzeitig bin ich ganz glücklich. Überall sehe ich doch auch Menschengruppen, die einfach ein neues Leben beginnen. Die den Wandel in sich und miteinander suchen.

Und ich?

In mir scheint etwas noch nicht reif zu sein. Ich warte noch auf etwas. Ich suche nach anderen Menschen, die mit mir hier diesen Wandel leben.

Da kann ich wahrscheinlich lange warten, oder?

Was habe ich denn zu beginnen?

Was habe ich eigentlich vor?

Was ruft in mir, geweckt zu werden?

 

Es gibt da eine ganz rebellische, radikale Stimme. Friedlich und wohlgesonnen, aber eben radikal in ihrem Verlangen nach Ausdruck, Gelebt-werden-dürfen. Die ist in mir unterdrückt, hat in diesem Leben - außer in besonderen Momenten - nie Platz gefunden.

Die will leben!

Ich werde heute nacht lauschen, was sie alles erzählt.

 

 

27.03.2020

Übergang - Was ruft dich?

 

Diese Zeit fühlt sich an wie ein Übergang. Das Alte ist nicht mehr, manches zerbricht, vieles steht still, formiert sich neu. Das Neue ist manchmal fühlbar, noch nicht greifbar, aber lädt ein zum Hineinfühlen. Dazwischen natürlich auch Angst, Druck, Stress.

In dieser Leere, der Verunsicherung, hat es einen riesigen Raum, der darauf wartet, gefüllt zu werden. Mit unseren Visionen und unseren Träumen.

 

Nimmst du dir Zeit, deinen Traum zu träumen? Lebst du diesen Traum? Haben deine Träume Platz in deinem Leben?

 

Diese besondere Zeit rührt an uns.

Was rührt dich besonders an?

 

Viele Fragen stellen sich mir zur Zeit:

Was ist eigentlich mein Platz in diesem großen Schauspiel?

Welches ist meine Aufgabe in dieser Zeit?

Was gibt es noch in mir zu entfalten?

Welches Potential will in mir geweckt werden, wenn ich offen ins momentane Geschehen sehe?

 

Ich bin ganz ergriffen von dieser neuen Zeitqualität, weiß noch gar nicht, was ich damit anfangen soll. Mehr lausche ich, empfange die Einladung, die sie ausstrahlt. Erkenne die Liebe, die daraus spricht. Fühle mich aufgerufen. Wozu aufgerufen? Ich muss noch ein Weilchen lauschen.

 

 

26.03.2020

Still werden - Schauen aus der Tiefe

 

So langsam dämmert es mir, dass gar nichts zu tun ist.

Es geht nicht darum, für oder gegen etwas zu sein – es geht, wie immer, darum, alles anzuschauen, in der Tiefe auch, überall zuzuhören und es in seinem Herzen zu bewegen. Es verstehen zu wollen. Es zu lieben. Sie zu lieben: die Helfer, die Eifrigen, die Gestressten, die Panikmacher, die Trotzköpfe, die Rechtsradikalen. Alle. Auch den Virus.

Dem Virus kann man zuhören. Aber um den geht es ja gar nicht. Er hat mir lediglich etwas zu sagen, was ich daran erkenne, das ich nicht ruhig damit sein kann. Sobald ich erfasst habe, um was es geht, dann komme ich zur Ruhe, Ich  brauche den Virus als Spiegel nicht mehr. Dann ist das Schauen nicht zu Ende, dann kann ich weiter schauen, dahinter, in die Tiefe.

Es scheint mir, dass ich zumindest das Gröbste, das mir unsere Corona-Situation sagen wollte, jetzt angeschaut habe, denn es wird still in mir.

Er hat keine große Bedeutung mehr für mich. Ich schaue einfach. Man könnte sagen, ich schaue eine Etage darunter, unter die Oberfläche des Corona-Geschehens. Beispielsweise auf die Menschen, auf die Bewegungen, die sie machen – panische, klare, harte, weiche, besonnene, verkopfte. Viele Bewegungen. Alle sind in Aktion. So wie meistens. Die Menschen sind meistens in Aktion, oder dann in Reaktion. Die Menschen sind getrieben, und denken stets, sie könnten etwas tun, etwas dafür oder dagegen tun. Oder etwas dazu meinen, auch wieder dafür oder dagegen, eigentlich egal.

Anhalten und einfach schauen tun wir selten. Deshalb entgeht uns in der Regel das Wesentliche. Dazu müsste erst einmal die Ohnmacht, die Hilflosigkeit integriert sein, das Gefühl alles unter Kontrolle behalten zu wollen, es in den Griff bekommen zu müssen. Erst wenn ich einverstanden sein kann, dass ich in manchen Situationen nichts mehr kontrollieren kann, dann kann ich auch still werden und entspannen.

In der stillen Betrachtung erst zeigt sich das Wesentliche, die Essenz. Zum Beispiel, dass wir EINS sind. Dass der Virus, wir Menschen, die Erde, alles Leben EINS sind. Dass der Virus „einfach nur“ ausdrückt, dass im Gesamten etwas nicht im Gleichgewicht ist. Er ruft uns auf, das Gleichgewicht wieder herzustellen. In uns, auf der Erde, unter den Menschen.

Wir sind aufeinander angewiesen. Ohne euch kann ich nicht überleben. Nicht gut leben. Das haben natürlich schon viele Viren und Krankheiten zum Ausdruck gebracht. Viele Konflikte, Kriege, Nöte, Katastrophen. Aber wir wollten nicht hören. Vielleicht hören wir jetzt?

Was bräuchte ich um zu gesunden? Wo bin ich in ungesunden, nicht „artgerechten“ Mustern und Verhaltensweisen gefangen? Im Ungleichgewicht? Was will der Virus mir sagen?

 

 

25.03.2020

Wie innen, so außen

 

Es wird mir immer deutlicher, dass wirklich alles, was im Außen geschieht, ganz persönlich in mir auch zu finden ist. Es ist alles meins! Ich erkenne mich in den Politikern, den Helfern, den Polizisten, den Esoterikern, überall wieder. All die Angst, der Druck, der Stress, der Kontrollzwang, aber auch die Hilfsbereitschaft, die Zuwendung, die Liebe, das finde ich alles auch in mir. Ich kenne den Kontrollzwang, wie er gerade in Ausgangssperren und Polizeikontrollen zu finden ist. Mit meinen Kindern lebe ich ihn gelegentlich, wenn ich durch viel Kontrolle und Zwang z.B. das heimliche Rauchen zu unterbinden versuche. Ich erkenne auch verschiedenste Versuche, der Angst auszuweichen, als die meinen: Kopf in den Sand:„Wird schon nicht so schlimm werden.“ Oder Trotz: „Fürchterlich, wie sich immer alle aufregen. Wir gehen nicht mit der Angst! Wir leben so, wie wir das wollen.“ Oder Verantwortung abgeben und eine Autorität finden, der man folgen kann, die mir erklärt, dass alles schon gut wird. Usw, usw.

Gerade scheint es vielen sehr leicht, die Umwelt als Spiegel seiner selbst zu entdecken. Eine Freundin hat geschrieben: „Für mich persönlich barg diese Zeit schon Gelegenheiten für wertvolle Prozesse und ich kann ihr viel positives abgewinnen. Die Spiegel werden mir nur so um die Ohren gehauen und das ist gut so.“

 

Die Menschheit als Ganzes ist nicht verschieden von mir. Das Denken, die Funktionsweise von Angst, Reaktion usw. funktioniert immer gleich – zwar mit Unterschieden an der Oberfläche der Konditionierung, aber in der Tiefe gleich. Wir sind ein menschliches Gehirn. Wir sind ein Wesen.

 

Um mich kennenzulernen, mein Bestes in mir zu entfalten, muss ich bereit sein, auch die Schattenseiten zu nehmen. Alles in mir möchte geliebt sein, dann erst kann es sich entspannen, seine schönen Seiten zum Vorschein bringen. Auch die Panik, der Kontrollwahn. Und im Außen ist es ebenso. Es möchte geliebt werden, in seiner Not gesehen. Jeder Widerstand bringt nur noch mehr Schwierigkeiten hervor. Also: Lieben wir es. Schimpfen wir nicht, wenn wir etwas „Unmögliches“ beobachten. Sind wir zugewandt, offen, freundlich. Das heißt nicht, dass ich dem anderen Recht geben soll, wenn er z.B. etwas Verletzendes tut, aber ich muss ja nicht gleich alles verurteilen. Ich muss nicht mahnen, kommentieren. Anteilnehmen, es sehen. Freundlich, interessiert – genau so, wie wir es in den Meditationen machen, wenn wir uns selbst begegnen.

Diese Stimmung würde eine ganz andere Welt hervorbringen.

Das werde ich mit in die nächste Zeit nehmen, wenn einmal die Meinungen auseinandergehen...

Diesen Text habe ich heute von einer Tantrameisterin aus unserer Ausbildungs-Gruppe geschickt bekommen.

"Wenn Wachheit da ist zwischen den Menschen, wenn Ohnmacht und Einsamkeit gehalten sind und sich daraus Offenheit und Mitgefühl entfalten, dann klingen weiche Töne, sanfte Melodien aus ihrem Munde und ihre Taten sind harmonisch und kraftvoll. Die Energie, die aus solchem Leben und Zusammenleben kommt, schmiegt sich an die Seele aller Wesen und fügt sich schmerzlos in die Natur ein. Wenn aber Ohnmacht und Einsamkeit ausagiert, verdrängt oder abgespalten werden, ist alles, was daraus kommt grob, laut, kantig und schmerzhaft für Ohr, Körper, Herz und Seele aller Wesen."

 

 

24.03.2020

Von den blauen Hüten   oder:   Was ist Freiheit?

 

Heute früh kam mir nach einem Gespräch mit Günther über die verschiedenen Sichtweisen zum Corona-Virus, dem Umgang damit, wie man sich darin stellen und bewegen kann, folgende Geschichte:

 

Es war einmal...

 

ein fernes Land, das von gewählten Bewohnern regiert wurde. Vor langer Zeit hatte die Regierung ein Beschluss gefasst, der besagte, dass alle Bewohner des Landes einen blauen Hut tragen sollten. Das hatten die Weisen des Landes so empfohlen, da diese Hüte auf dem Kopf in besonderer Weise die Verbindung zum Himmel und dessen Kräften herstellen konnten.

Dies wurde über Jahre und Jahrzehnte auch so befolgt.

Irgendwann aber fand eine Frau, dass sie eigentlich lieber einen Hut mit anderer Farbe tragen wollte – oder am liebsten sogar gar keinen!

Da wurde ihr unwohl, weil sie nicht wusste, wie sie mit diesem Gedanken umgehen sollte. Sie hatte bisher niemanden gesehen, der die Hut-Regel nicht beachtete. Im Stillen besprach sie ihre Idee mit Freundinnen, die ihr, je nachdem, empört abrieten oder sich über diese revolutionären Gedanken freuten und weiter mit ihr darüber in Kontakt blieben. Sie gründeten revolutionäre Zellen, schrieben Plakate über die Freiheit der Kopfbedeckung. Diese hängten sie auf, bis die Bewegung langsam größer wurde. Natürlich rief das auch die blaue-Mützen-Befürworter auf den Plan, die dann wiederum heftig ihre Argumente in die Öffentlichkeit stellten. Auf Podiumsdiskussionen wurden lautstarke Schlagabtausche geführt, auf denen alle die jeweils anderen zu überzeugen versuchte. Es gab auch in der Tat bald Menschen auf den Straßen mit andersfarbigen Mützen, doch die Stimmung unter den Menschen war nicht gut. Es gab Fronten, Streits, sogar innerhalb der Familien..

Etwas weiter weg, in einem sehr abgelegenen Teil des Landes, in den diese Auseinandersetzungen gar nicht vorgedrungen waren, gab es eine Frau, die auch eines Tages den Wunsch verspürte, sich ein gelbes Kopftuch zu nähen. Ein schön sonnengelbes. Sie tat es einfach. ....

 

Hier könnt ihr eure Phantasie selber weiterspinnen lassen. Erzählt eure Geschichte eher beängstigende oder eher zauberhafte Geschehnisse?

 

Bei mir geht es so weiter:

 

Als sie es fertiggestellt hatte und damit gesehen wurde, schüttelten zwar manche erst einmal den Kopf, aber andere wiederum fühlten sich inspiriert und gingen auch nach Hause, sich eine neue Kopfbedeckung zu nähen. Manche gingen auch mit bloßem Haar nach draußen, wenn es wärmer war.

Nichtsdestotrotz wurde die Herkunft der blauen Hüte immer wieder in Geschichten am Lagerfeuer erzählt, die besondere Kraft dieser Hüte, so dass das Wissen über die blauen Hüte nicht verloren ging.

 

Erkennt ihr euch wieder?

Ich selbst bin oft die Frau aus dem ersten Teil der Geschichte, die mit allen diskutiert, weil sie nicht die Freiheit hat, einfach ihren Weg zu gehen. So mache ich das oft, in vielen Bezügen.

Manchmal bin ich auch eine von denen, die zuhört, die dann überzeugt für das eine oder das andere argumentiert, die dann in Diskussionen geht, sogar dafür streitet. Dass das sinnlos ist, die Positionen mehr verfestigt, das Augenmerk nicht auf einem Mit- sondern einem Gegeneinander liegt, merke ich dabei gar nicht.

Manchmal bin ich auch still genug, um einfach nur zuzuhören. Dann kann ich die Ängste und Neurosen der Diskussions-“Fronten“ leicht erkennen. Oder besser, fühlen: die Verbissenheit, die Rechthaberei, den Druck, diese stressige Energie, die über allem liegt. Und mit der Zeit kann ich dann mehr und mehr das Wahre, das Rechte erkennen und es herausschälen. Denn das Körnchen Wahrheit finde ich fast überall.

 

Es ist meine Freiheit, meinen Standpunkt zu haben und ihn in mein Leben zu bringen.

Der blaue Hut steht für die Reglementierung, die gerade wegen des Corona-Virus ausgesprochen werden. Wenn mir ein gelber Hut gerade wichtig ist, also z.B. Freunde zu treffen, warum tue ich das nicht? Es gibt bestimmt jemanden, der oder die auch diesen Wunsch hegt. Ich kann ja mal fragen.

 

Es ist eine große Freiheit, nicht auf alles reagieren zu müssen. Innerlich und äußerlich. Erst dann kann ich frei schauen.

Wir Menschen sind meistens nicht frei. Sobald ich innerlich auf etwas reagieren muss (das sind die „roten Knöpfe“), bin ich darin nicht frei. Dann bin ich in der Angst vor irgendetwas, das mir gar nicht bewusst ist. Im Kampf statt im Frieden. Wenn ich aber kämpfe, dann sorge ich gar nicht für mich. Für sich sorgen ist ein viel feinerer, stillerer Vorgang.

 

Inzwischen empfinde ich die vielen unterschiedlichen Corona-Statements als Sammlung verschiedener Sichtweisen, die die Gesamtheit des menschlichen Geistes aufzeigen. Darin sind vor allem viele verwirrte, von der Angst durchdrungene Gedanken zu finden. Aber auch Stimmen der Liebe, Stimmen der Überheblichkeit, der Ignoranz. Das alles zu betrachten, ist Selbsterkenntnis. Das bin ja auch ich. Ich erkenne mich in dir.

Das kann aber nur jede/r für sich selbst herausfinden –ein Selbsterkenntnis-Prozess ist ein Prozess, der nur in sich selbst geführt werden kann.

 Das ist doch eigentlich wunderbar. In den Gemeinschaftsbildungs-Gruppen ist genau das das Vorhaben: das Andere stehenlassen können, es annehmen als Teil des Ganzen, der Wirklichkeit. Mich selbst hinzustellen getrauen mit meinem. Ganz schlicht. Friedlich.

Daraus kommt Einheit. Liebe. Verbundenheit.

 

 

 

23.03.2020

Vom Umgang mit der Angst

 

Heute war ein ruhiger Tag. Irgendwie eine weiche, traurige Stimmung. Gestern abend habe ich Nachrichten geschaut, und die Nachrichten stimmen sehr besorgniserregend: Kroatien, Venezuela, und andere Länder bereiten sich auf den Corona-Ausbruch vor. Diese Länder sind medizinisch lange nicht so gut versorgt wie wir. Es bedrückt mich, das zu sehen – und daran zu denken, wie sich die Lage entwickeln könnte.

 

Es gibt viele Menschen, die halten sich von den Nachrichten fern. Wollen das nicht anschauen, weil es die Stimmung senkt, Angst schürt.

Ich persönlich halte das nicht für den guten Weg. Natürlich braucht es ein gutes Maß, es geht ja nicht darum, sich in eine Art Dauerpanik zu versetzen. Aber sich fernzuhalten von den Tatsachen, das fühlt sich für mich oft eher nach Ausweichen an. Nach Weglaufen vor den Gefühlen, die das in mir auslösen würde. Das hält mich fern von der Wirklichkeit. Von dem, was ist. Man sagt „Angst schwächt das Immunsystem“. Aber das Wegschieben doch genauso. Angst lässt sich nicht ignorieren, höchstens in den Untergrund drängen, von wo sie dann weiterarbeitet.

 

Mein Weg mit der Angst ist eher, ihr zu begegnen. Ihr ins Gesicht zu schauen. Mich ihr zu stellen und all die Gefühle, die das auslöst, in mich reinzulassen. Das heißt für mich auch, die jeweiligen Situationen, die Angst auslösen könnten, zu suchen statt zu meiden. Die Wachstumschance zu erkennen statt sie zu meiden. Diese Gefühle wollen alle einen Platz bekommen in mir, sonst kann ich nie wirklich entspannen, sonst muss ich immer wieder Wirklichkeit ausschließen, meine Wahrnehmung begrenzen.

Warum darf mich das nicht erschüttern?

Warum sollte ich keine Trauer, keinen Schmerz, keine Sorge verspüren angesichts dieser unvorhersehbaren Ereignisse? Ist es nicht sogar ein Ausdruck von Isoliert-Sein, von Nicht-Verbundensein, wenn ich jetzt versuche, eine entspannte Stimmung aufzubauen? Das ist doch die Krankheit, unter der wir alle leiden: Mangelndes Mitgefühl. Nicht wahrhaben-wollen von dem, was tatsächlich ist: Sorge, Angst, vielleicht sogar Panik. Es nimmt einen den Boden unter den Füßen weg.

 

Diese Dinge muss ich erst einmal wieder ganz in mich reinlassen. All diese Szenarien, vor denen ich Angst habe, sind nämlich wirklich möglich. Auch ohne Corona. Dass ich sterbe zum Beispiel, kann jeden Tag passieren. Auch das Leid ist Fakt in der Welt, nur sehe ich es meist nicht. Die menschlichen Abgründe, die ich so fürchte, sind genau die, die diese Welt voller Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit kreiert haben. Wir sind ja schon mittendrin. Nur sehen will ich es meist nicht. Corona bringt uns dem lediglich wieder näher. Wir sind nicht mehr Zuschauer, sondern (wahrscheinlich sehr bald) direkt Betroffene.

 

Das fühlt sich anders an, als über Katastrophen zu lesen, die in anderen Teilen der Welt geschehen. Wer sich damit bisher nicht auseinandergesetzt hat, wird jetzt möglicherweise bald dazu gezwungen. Es rückt definitiv näher in unser Leben.

 

Corona ist also auch ein Wach-Ruf. Er will uns wecken, für die Welt, für den Zustand auf der Erde, unter uns Menschen. Es ist gerade nicht mehr möglich, dem auszuweichen. Und das ist gut so.

Wer sich dem stellt, wird irgendwann einmal feststellen, dass Angst nicht mehr nötig ist. Wenn ich die Gefühle dahinter bereit bin zu spüren – Ausgeliefertsein, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Trauer, Schmerz, usw. - , dann muss ich keine Angst  mehr haben. Dann kann ich wieder offen sein, auch für die schwierigen Gefühle, wenn sie denn kommen. Dann kann ich wieder entspannen, die Schönheit sehen, die direkt daneben steht.

Und dann sehe ich auch, was mir eigentlich wichtig ist. Wenn ich mich nämlich berühren lasse von alldem, dann wird mein Herz ganz weich, ich empfinde Mitgefühle und in mir erwacht der Wunsch, meinen Beitrag zu leisten. Meinen Beitrag, dass die Welt eine andere wird. In mir erwacht die Leidenschaft, die für das Leben, die Liebe brennt.

 

 

Was ich noch verbessern möchte, ist die Technik. Skype, Videos. Gute Gelegenheit!

 

Mich vernetzen, das fehlt mir. Mit wem möchte ich mich stärker verbinden bzw. wer möchte das auch? Wie kann man in der Not zusammenleben? Was wäre ein Not-Szenario?

(Wohnen, Lebensmittel, ?)

Die Angst: wovor habe ich Angst – durchspielen. Worst case anschauen (Geld weg! Das muss gelöst werden, sonst kann ich mich nie entspannen auf der materiellen Ebene

Dies ist ein Lernplanet, auf dem wir etwas zu lernen haben. Nicht durchgepampert werden. Erlaub der Angst, gefühlt zu werden in deinem Körper.

Jetzt wenden wir mal an, was wir immer lernen, lesen, Spiritualität,...

Dann gibt es auch im Praktischen die besseren Antworten.

Atme tief durch. Stelle dich deiner Angst und schau, wo du identifiziert bist, wovon du eh bald gehen musst. Wie kannst du dich davon lösen, erinnern an das, dass wir immer verbunden sind! Z.B. Meditation

Welches sind meine Werte? Stelle sie auf, nimm sie ernst.

Geschenk: unsere Verbindung zu spüren

 

 

 

22.03.2020

Pause

 

So langsam kehrt hier etwas Ruhe ein. Ich bin Informations-satt, die Familie hat sich auf das andere Leben eingestellt, ich habe viel aufgeräumt, im Garten gearbeitet. Jetzt ist Pause.

Heute vermisse ich die Menschen ein wenig. Unsere Gemeinschaftsgruppe rückt mir innerlich sehr nahe. Ich schreibe ihnen, schlage vor, uns ein wenig auszutauschen, voneinander wissen zu lassen, wie es uns geht – eine Gesprächsrunde auf schriftlichem Weg sozusagen. Diese Runden sind immer sehr nähestiftend. Mal sehen, ob jemand darauf eingeht. 

Da ich überzeugt bin, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat, suche ich nach dem Sinn für unsere jetzige Situation. Was will der Corona-Virus mir eigentlich sagen? Mir ganz persönlich? Wie kann ich diese Herausforderung annehmen? Zu meiner Chance machen? Was gibt es alles zu lernen? Welche Gelegenheiten bieten sich mir jetzt? 

Zum Beispiel meine Gesundheit. Schon länger bin ich nicht mehr ganz zufrieden mit meiner Ernährungsweise. Würde gerne wieder weitere Schritte in meinem Alltags-Essverhalten machen. Verzichten vor allem auf manche Dinge, wie Zucker, Weißmehl, Kaffee.

Verzicht scheint gerade ja auch ein Thema zu sein. Wir sind ja gefordert, auf Kontakte, Aktivitäten zu verzichten. In den Läden am Samstag waren einige Lebensmittel ausgegangen, da kommt bei manchen die Angst auf, bald auf bestimmtes Essen verzichten zu müssen: Mehl und Nudeln beispielsweise. Also beschließe ich, diesen Hinweis ernst zu nehmen und zu fasten. Gestern habe ich auch ein kurzes Video von Rüdiger Dahlke gesehen, der bezüglich des Corona-Virus daran erinnert, sein Immunsystem in Schuss zu halten: Sonne, Bewegung, gute Beziehungen, die Seele nähren, gesunde Ernährung und auch mal Fasten. Ab heute esse ich nichts mehr, eine kleine Fastenkur für die Gesundheit. Da habe ich mich schon lange nicht mehr herangetraut – jetzt ist die Gelegenheit! Gerät für den Einlauf ist hier, Tee und Säfte auch. Die Möglichkeit zur Ruhe ist gerade auch vorhanden, kaum Termine, wenig Arbeit. Das passt doch hervorragend.

Ich stelle fest, dass es mir eigentlich wirklich gut geht. Dankbarkeit kommt auf. Für den Wohlstand, in dem wir leben. Die Gesundheit, derer wir uns alle hier erfreuen. Die Ruhe, die mir gerade geschenkt wird. Meine Familie, in der ich leben darf. Die Menschen, mit denen ich mich verbunden habe. Dass ich einen Garten habe, in dem ich buddeln kann.

Dankbarkeit ist wirklich angemessen. Ich bin es. Sehr.

 

Für andere in meinem Umfeld ist die momentane Situation bestimmt schon schwieriger zu nehmen, wirklich eine Herausforderung. Habib z.B., der bei uns gewohnt hat, arbeitet als Krankenpfleger und bereitet gerade die Station auf viele Corona-Kranke vor. Andere haben Verwandte in Italien, wo viele Menschen sterben. Manche hier im Dorf sitzen schon zu Hause in Quarantäne.

Im Dorf habe ich mich bei der Pfarrerin als Helferin gemeldet, die Kirche hier organisiert eine Nachbarschaftshilfe: Wer möchte, hilft bei Einkauf und anderen Erledigungen für Infizierte, Alte, Kranke. Es braucht wohl immer erst (noch) solche Ausnahmesituationen, um sich näher zu kommen.

Aber gerade ist es einfach nur ruhig.

Die Sonne scheint, der Wind bläst kalt, die Vögel singen Frühlingslieder.

Und viele Familien sehe ich, die jetzt mit ihren Kindern unterwegs sind, viel mehr als sonst. Schön, dass jetzt wohl viele deutlich mehr Zeit für ihre Kinder haben. Ich genieße das übrigens auch sehr.

 

 

21.03.2020

das Gehen mit der Unsicherheit, dem Nichtwissen

 

Die Meinungen ziehen mich hin und her. Es gibt viele sich widersprechende Meinungen und Einschätzungen. In meinem Umfeld gibt es fast alles: die Rufe gegen die „Panikmache“, aber auch die besorgte Überzeugung, die Lage sei nicht zu unterschätzen. Fernsehen, unser Gemeindeblatt, Akasha-Chronik, Rüdiger Dahlke, alles voller Meinungen und wichtiger Informationen). Und ich? Ich kann alles gut hören, auch in mir finden, aber mich nicht dauerhaft für eine der Positionen festlegen. Dies wäre mir jedoch das Liebste, das würde nämlich viel Unsicherheit von mir nehmen. Dann hätte ich endlich Klarheit. Aber Pustekuchen! Das geht so nicht. Also, dann doch weiterhin die Unsicherheit, das Nichtwissen? Geht wohl nicht anders.

 

Was macht es eigentlich so schwierig, mit der Unsicherheit gehen? Ich weiß eben einfach nichts mit Sicherheit. – Das ist einfach nicht üblich hier. In der Schule muss man alles wissen. Es gibt Richtig und Falsch. Eindeutige Antworten. Keine Unsicherheit. Jeder weiß jederzeit Bescheid. Über fast alles.

 

Ohne diese Sicherheit kann ich nur einen Schritt nach dem anderen gehen, ohne wirklich zu wissen, wie und wo die Reise endet. Es wird zu einer Reise ins Ungewisse. Ohne wirkliches Ziel. Der Weg wird wichtiger. Der Moment.

So wie heute dann: Im Einkaufsladen, sogar in meinem kleinen Bio-Laden: 1,5m Abstandhalten von den anderen Menschen, begrenzte Kunden-Zahlen im Laden. Viele schauen verunsichert an einander vorbei, wie wenn sie sich schämen würden für das Einander-Ausweichen. Eine beklemmende Stimmung. Aber genau diese Stimmung ist da, ich kann sie nicht leugnen oder wegmachen. Ich kann sie nur fühlen. Haben. Mit dieser Stimmung bleibe ich den ganzen Vormittag.

Beim Gassi-Gehen dann ruft mir die demente Nachbarin aus dem Fenster etwas zu. Ich rufe zurück, winke, und beim Weitergehen macht sich unverhofft in mir eine Freude breit. Ein Glück, dass die Frau noch gesund und wohlbehalten ist! Die Beklemmung verschwindet, Fröhlichkeit stattdessen in mir. Meine Tochter kommt vom Reitstall nach Hause, ganz erfüllt von ihren Erlebnissen. Sie genießt die freie Zeit, die sie im Stall verbringen kann. Welch ein Glück!

 

Und so trägt mich das Leben von Augenblick zu Augenblick. Ich bin getragen.

Ich fühle mich verbunden mit euch, mit den Menschen, die hier leben, mit denen ich neue Wege beschreite.

Dankbar bin ich, dass es uns gibt. Dass wir miteinander hier diese besondere Zeit erleben.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber ich freue mich auf die nächsten Schritte, die nächsten Augenblicke.

 

20.03.2020

Frühlingsanfang

Heute war ich faul, im Garten. Sonne genießen. Gar nichts denken.

 

19.03.2020

Trotz und Widerstand

 

Zuerst hat sich mit der Ankündigung, dass meine sozialen Kontakte eingeschränkt werden sollen, meine innere lebendige, kräftige Stimme gemeldet, der sich dieser "angstgesteuerten Fremdbestimmung" nicht unterwerfen wollte. Wer mich kennt, weiß, wie stark diese Kraft in mir lebt: „Immerhin treffe ich mich ja sowieso nur für Wesentliches, wenn es um aufrichtiges Beisammensein geht, für die Heilung in uns Menschen!“  Dass die verrückte Menschheit, die irregeleitete Wirtschaft, die ganze Gesellschaft im Laufe gestoppt wurde, fand ich sehr richtig, in die richtige Richtung weisend- aber ICH?

Diese Kraft in mir als Trotz, als pubertären Widerstand, zu entlarven, hat mich einige Tage gebraucht.

Am nächsten Wochenende sollte mein geliebtes Meditationsseminar stattfinden, auf dem wir sowieso nur noch zu dritt gewesen wären – die anderen hatten bereits abgesagt.

Eigentlich könnte man sagen, das sei keine wirkliche Gefahr, nur drei Menschen, entspannt und in einen tiefen Heilprozess eingebettet. Aber doch: ein Gefühl der Unstimmigkeit, ein Gefühl der Unruhe, waren in meinem Innern spürbar. So wie die ganzen Tage, immer diese unterschwellige Anspannung: Geht dieses Treffen, dieses Vorhaben noch oder muss das auch aufgegeben werden? Ich war innerlich ständig auf dem Sprung, das Geplante nicht auch noch zu verlieren, nicht die Lücke einer Möglichkeit zu verpassen.

Gleichzeitig fiel mir auf, dass ich stets Sorge hatte, unter die Räder der politischen Macht zu geraten, dem Unterworfen-Sein von Gesetzen und Regeln. Die empfohlenen Einschränkungen erschienen mir überzogen, ich hatte das Bedürfnis dagegen zu rebellieren, laut zu protestieren.

Damit kamen mir Szenen aus meiner Jugend hoch, gepaart mit alten Gefühlen, von den Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss, von Friedensdemos, den jeweiligen Polizeieinsätzen, in denen wir Demonstranten hilflos, zum Teil sehr gewalttätig, zusammengedrängt wurden. Gefühle von Gefahr und Gewalt, von Ohnmacht und Ausgeliefertsein machten sich in mir breit.

Auch an noch ältere Erfahrungen erinnerte mich das. An die Erfahrungen aus meiner Kindheit. Auch hier gab es viele Ereignisse, die mich misstrauisch gegen die Macht der Eltern, der Erwachsenenwelt, gemacht haben, die das Vertrauen sinken ließen.

Aha. Um diese Gefühle geht es. Jetzt konnte ich sie mir anschauen, damit still werden. Sie fühlen, diese Angst vor dem Ausgeliefertsein. Sie fühlen, die Angst vor Machtmissbrauch und Gewalt. Es sind Erlebnisse, die ich in Kindheit und Jugend, vielleicht schon viele Leben zuvor, gemacht habe.

Dies alles zu sehen, in einen neuen Zusammenhang zu stellen, hat mein Stress-Level sinken lassen.

Ich fühle mich nicht mehr gezwungen, auf genau dieselbe Weise zu reagieren, wie ich es als Jugendliche getan habe, mit lautstarkem Protest, Widerstand. Ich kann sehen, dass in mir etwas gegen die Obrigkeit rebelliert. Gegen die Ungerechtigkeiten, die immer wieder geschehen, gegen das Nicht-Gesehen-Sein, das von dieser Obrigkeit in der Regel ausgeht.

Und ich kann sehen, wie mein Blick durch diese Brille gefärbt ist, mein Blick auf die heutigen Ereignisse.

Denn wenn ich genau hinsehe, verspüre ich in den Medien genau das Gegenteil meiner Befürchtungen: Zusammenhalt ist erkennbar, Politiker aller Couleur stellen ihren Eigennutz zurück und hören auf die Wissenschaftler. Die Wissenschaftler hören einander zu, im Bemühen, die besten Wege miteinander herauszufinden. Selbst die Wirtschaft stellt ihre Profitgier ein zugunsten der Gesundheit der Menschen.

Wann gab es das je?

Ist das nicht ein Wunder?

Jetzt habe ich tatsächlich mein geliebtes Meditationsseminar abgesagt. Und in mir: Frieden, Stille, Heiterkeit.

Erleichterung auch. Entspannt schaue ich auf den Lauf der Dinge, mit einer inneren Bereitschaft, mich dem hinzugeben, was da gerade vor sich geht. Keinen Widerstand mehr. Leichtigkeit macht sich breit.

Vertrauen in das Leben. Das Leben, das besser weiß, was hier gerade vor sich geht.